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Werke: Ich kann auch anders
Diese Kurzgeschichte schrieb ich im Rahmen
einer Facharbeit für eine damalige K13-Schülerin, die
sie zusammen mit Kurzgeschichten anderer Schüler verschiedener
Klassenstufen in einem kleinen Sammelband veröffentlichte.
Alle Geschichten sollten unter dem Titel "Ich kann auch anders"
abgefasst werden. Es gab keinerlei Themenvorgabe, nur eben sollte
dieser Titel in die Geschichte integriert werden.
Ich verfasste zu diesem Anlass folgende kleine Geschichte, die einen
Einblick in das völlig verkommene, triste Leben eines
Drogenabhängigen gibt, der tagsüber die Entzugsklinik
besucht und dort an Seminaren und Psychologengesprächen
teilnimmt und abends zuhause bei seinem alkoholkranken Freund
abhängt und dessen ganzes Leben im Grunde nur aus Inhalieren,
Saufen und Fernsehen besteht, bis eines Tages eine wundersame Wende
eintritt.
Aber lest selbst. Das ist eine überarbeitete Version der
Originalgeschichte, in der ich so manche etwas umständliche
Formulierung angepasst und alles noch etwas tiefer schürfend
ausformuliert habe.
Wenn Ihr diese Geschichte auch nach mehrmaligem Lesen nicht wirklich
versteht, dann habt Ihr es richtig gemacht.
Ich kann
auch anders
Montagmorgen, um Punkt 5.30 Uhr durchzuckte das schrille Klingeln des
Weckers meine ach so schönen Träume vom Reichtum und
der damit verbundenen Faulheit ... ein Leben am Strand und im
Sonnenschein wurde jäh zerrüttet, zerschlagen von den
schleimigen Tentakeln der Realität. In
ohnmachtsähnlichem Zustand schaltete ich den Wecker ab und
torkelte wie in einem wunderbaren Drogenrausch schlaftrunken ins
Badezimmer. Wie ich es in diesem völlig
unzurechnungsfähigen Befinden immer wieder fertig brachte
Zähne zu putzen, mir das Gesicht zu waschen, Klamotten
anzuziehen und dabei dennoch von Palmen und Kokosnüssen zu
träumen, war selbst mir ein Rätsel. Doch
spätestens beim Frühstück aus trockenem
Brot, hartem Käse und dünnem Kaffee ließ
die Wirkung meiner abendlichen Dosis K.O.-Tropfen allmählich
nach, so dass ich gezwungenermaßen langsam mit der bitteren
Realität heute wieder zur Arbeit zu müssen
konfrontiert wurde. Ich blinzelte durch den grauen Schleier, der sich
im Laufe der Jahre durch das Leben in stets verrauchten Zimmern auf
meinen Pupillen gebildet hatte und erkannte schemenhaft die Umrisse
einer menschlichen Gestalt vor mir am Tisch kauern. Mein bester Kumpel
und Zimmergenosse Mike, den ich trotz meiner Anstrengungen nur noch an
dem Gestank des tschechischen Billigbieres, welches er in schier
endlosen Mengen kippen konnte, eindeutig erkannte. Er grinste mich an,
so glaubte ich durch das Nebelgewaber vor meinen Augen zu sehen, was
ich aber nur mit der schleppenden Geste eines Halbtoten beantworten
konnte. Nach ca. einer halben Stunde, die mir wie eine Ewigkeit in
einem Paradies freizügigem Drogenkonsums vorkam, benebelt von
Bier und altem Zigarettenqualm, der die bleischwere,
gesundheitsgefährdende Luft im Raum geschwängert
hatte, völlig jeglicher rationaler Wahrnehmungskraft beraubt,
musste ich mich auf nikotinzerfressenen, krummen Säbelbeinen
auf den Weg zur Arbeit machen. Manch einer mag schockiert sein, wenn er
liest, dass ich dabei stets mit dem Auto fuhr. Doch ich hatte gelernt
mit all den rauschproduzierenden Wundermitteln der Gesellschaft zu
leben und mich davon in keiner Weise von meinem katastrophalen,
amoklaufähnlichen Fahrstil ablenken zu lassen, mit dem ich das
Schicksal meiner sämtlichen mir begegnenden Mitmenschen
herausforderte. Es bestand also kein Grund mehr zur Aufregung. Nach gut
zehn Minuten absolut gefährdender Verkehrsbehinderung
erreichte ich meinen Arbeitsplatz in der Klinik für schwer
Drogen- und Alkoholabhängige. Eine
Bierfahnenbegrüßung von der umschlagenden Wucht
einer Panzerfaust von meinem Chef empfangend schleppte ich mich zum
Fahrstuhl. Zwischen einigen halb verfaulten Junkies um mindestens
fünf Zentimeter zusammen gequetscht, schaffte ich es zu Tode
erschöpft bis in mein Zimmer im fünften Stock, von
dem aus ich eine herrliche Aussicht auf eine monotone Ödnis
aus aneinander gereihten Betonbauten hatte. Ich hievte mich
schwerfällig auf den Stuhl und griff in einer Schublade nach
einer Tube Flüssigklebstoff, um mir erst mal eine
mittelschwere Aceton-Vergiftung zuzuziehen, in der Hoffnung so den
heutigen Arbeitstag unbeschadet überstehen zu können.
Ich konnte meinem geschädigten Gehirn kaum Zeit geben sich von
den ätzenden Dämpfen durchweichen zu lassen, da kam
auch schon der erste Kunde herein: Eine Frau in weißem Kittel
mit einem Block im Arm und einem Kugelschreiber gezückt, die
sich mit gelangweilter Miene auf einen Stuhl dem meinen
gegenüber sinken ließ und mich mit ihrem
abschätzendem Blick durch die Hornbrille musterte. Nicht schon
wieder!, dachte ich genervt. Alle meine Kunden waren die gleichen
Freaks ... trugen alle weiße Kleidung, schrieben jedes Wort
mit, dass ich ihnen von meinem Wissen ans Herz legte und schienen
keinerlei Ahnung vom Leben zu haben. So musste ich auch dieser Dame zum
x-ten Mal erklären, wie es um all die legalen aber dennoch
nicht wenig abturnenden Konsumgüter der heutigen Zeit stand
und was ich für den Anfang aus eigener Erfahrung am besten
empfehlen konnte. Nach einem langen Arbeitstag von drei
quälenden Stunden Kundenberatung und weitere zwei Stunden
Yoga-Kurs schleppte ich mich schließlich völlig
fertig nach Hause. Mike hatte indes sich wieder einige
Saufbrüder mit ins Haus geholt und an diesem Abend zog ich mir
in Folge dessen noch eine leichte Alkoholvergiftung, bevor ich
schließlich um drei Uhr nachts total am Ende in meinem Bett
landete und nach einer gehörigen Portion K.O.-Tropfen in einen
koma-artigen Zustand fiel ... bis ich nur wenige Stunden
später erneut von einem fernen Nirwana das Klingeln des
Weckers vernahm ... der nächste Tag ...
So geht das die ganze Zeit ...
Manch einer mag jetzt zu tiefst schockiert sein, für mich
jedoch
ist das Leben ... ich bin es nicht anders gewöhnt ... leben
zwischen Alkohol und Nikotin, mit einem Bein im Grab ... und das jeden
Tag aufs Neue ...
Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann muss es doch noch
anderes
geben außer dem hier.
Es wird wohl Zeit, dass sich an diesem Leben etwas ändert!
Als ich am nächsten Tag den Wecker vernahm, sprang ich mit einem
Satz aus dem Bett, rannte zum Fenster und versuchte es zu öffnen.
Durch den vielen Rost, der sich durch Niebenutzung im Laufe der Jahre
angesammelt hatte, viel mir das etwas schwer und auch die halbtoten
Finger, von der Vielzahl an Durchblutungsstörungen steif geworden,
waren hinderlich, aber schließlich gelang es und zum ersten Mal
seit ich weiß nicht wie vielen Jahren strömte frische Luft
ins Zimmer und der Sauerstoffgehalt stieg langsam wieder auf ein nicht
mehr lebensfeindliches Maß an. Dann stellte ich mich unter die
Dusche, nachdem ich sie notdürftig mit einem Handtuch von den
Spinnweben und Kakerlakenleichen gesäubert hatte und sorgte
für Rund-Um-Körperhygiene. Etwas, was ich auch seit Monaten
nicht mehr getan hatte. Ein richtig merkwürdiges Gefühl von
all den Schmutzrückständen befreit zu sein. Es kribbelte mich
überall. Als ich schließlich runter in die Küche lief
und ein müdes "Morgen" zu Mike brummte, fiel mir auf, dass ich ihn
schon viel klarer sehen konnte. Ich stolperte noch etwas benommen zum
Schrank und kramte darin herum. Ich war mir ziemlich sicher, dass wir
hier noch irgendwo Espresso haben mussten. Nach einigem Suchen fand ich
ihn tatsächlich und er wirkte sogar noch genießbar. Jetzt
musste ich nur noch die Espressomaschine unter den Tonnen an Staub
finden und schon konnte ich in mein neues Leben starten. Ich merkte,
wie Mike mich etwas verwirrt beobachtete, aber ich achtete nicht darauf
und als ich mich mit einer Tasse an den Tisch setzte, musste ich
grinsen, als ich seinen ungläubigen Blick sah. Er dachte sicher,
ich hab ein Rad ab! Na ja ... vielleicht hatte er sogar recht damit.
Jedenfalls kippte ich mir in wenigen Zügen den Espresso runter und
nahm mir fest vor, zumindest für diesen Tag keine Drogen mehr
anzurühren und mit jedem Schluck aus der Tasse schien dieser
Schwur an Bedeutung zu gewinnen. Mein Kumpel, der erraten zu haben
schien, was ich mir geschworen hatte, war scheinbar fest davon
überzeugt, dass ich erstens einen großen Fehler machen
würde und zweitens das sowieso nie durchstehen könnte. Ich
achtete nicht darauf und verließ pünktlich das Haus in
Richtung Arbeit. Auf dem Weg dahin entfaltete der Espresso eine
wahrlich erschreckende Wirkung. Zum ersten Mal fühlte ich mich
wach ... ausgeruht wie nie und fit! So etwas hatte ich noch nie erlebt!
Anfangs war mir dieses Gefühl mehr als unangenehm und ich wusste
nicht recht, was ich machen sollte, aber als ich mich erst mal wieder
bis zu meinem Arbeitsplatz durchgekämpft hatte (ging irgendwie
leichter als sonst ...), begann ich allmählich mich mit diesem
Zustand anzufreunden. An meinem Schreibtisch angekommen, öffnete
ich wie sonst auch automatisch die Schublade und kramte meinen
Klebstoff daraus hervor. Doch ehe ich ihn aufmachen konnte, griff meine
linke Hand danach und feuerte die Tube in hohem Bogen zum offenen
Fenster hinaus. Zuerst erschrak ich ziemlich darüber, aber dann
redete ich mir ein, dass ich das Zeug heute sowieso nicht anrühren
dürfe und ich mir später jederzeit wieder neue Vorräte
anlegen könne. Als ich dann aber wieder stundenlang erzählen
musste, merkte ich allmählich, dass ich ohne stoned zu sein, das
Ganze viel besser meisterte, die Damen viel schneller loswurde und mir
das alles sogar irgendwie Spaß machte. Nachdem mein Arbeitstag
überraschend schnell zu Ende war, ging ich nicht gleich nach
Hause, sondern spazierte einige Zeit in der Stadt herum. Obwohl ich
hier so viele Jahre schon lebte, hatte ich sie mir nie wirklich
angesehen. Es war, als wäre ich ganz woanders, aber nicht in
meiner Stadt und so wurde mir erst bewusst, wie viel ich nachzuholen
hatte. Ich hatte den Großteil meines Lebens in einer Art
Dämmerschlaf verbracht, ohne wirklich etwas von ihr zu erleben. Im
Nachhinein ärgert mich das maßlos. Wieder zu Hause
angekommen war es bereits dunkel. Ich betrat die Küche, ganz
leicht und vergnügt, den verdatterten Blick von Mike nicht
beachtend und öffnete hungrig den Kühlschrank. Außer
literweise Dosenbier war dort aber nichts mehr zu finden, also griff
ich zum Telefon und rief den Pizza-Service an. Ich bestellte mir eine
große Schinken-Peperoni-Pizza und als sie nach einer halben
Ewigkeit endlich angekommen war und ich sie dem Lieferjungen aus den
Händen gerissen und dabei fast das Bezahlen vergessen hätte,
verschlang ich sie gierig. Und ich merkte, wie allmählich mein
Geschmacksinn wieder erwachte. Völlig überflüssig
geworden, da ich eh immer nur Nikotin und Bier zu mir genommen hatte,
war er sehr zurück entwickelt. Doch ich hoffte, dass sich das
bessern würde, wenn ich dem Ganzen nur die nötige Zeit lassen
würde. Nach der Pizza setzte ich mich noch eine Weile vor die
Glotze, bis ich schließlich um 22.30 Uhr todmüde, aber
glücklich in mein Zimmer humpelte. Ich wechselte noch schnell
irgendwie die Bettwäsche, auf der sich ebenfalls schon schmierige
Dreckkrusten gebildet hatten und dann fiel ich in einen Schlaf, tiefer,
als mit der stärksten überlebbaren Dosis Schlaftabletten
erreichbar und wachte am nächsten Morgen noch vor meinem Wecker
auf. Ein neuer Tag ...
Das war also ... ein Tag clean ... ohne Drogen, ohne Alkohol ... ohne
Nikotin ...
Und soll ich ehrlich sein? Es war der beste Tag, den ich seit langem
hatte ...
Wenn ich es mir recht überlege ... jeden Tag so zu leben,
ausgeschlafen, fit ... ist eigentlich viel besser! Ich
schätze,
ich werde das in Zukunft öfter machen ... zumindest ein, zwei
Mal
pro Woche!
Oder auch für immer ... mal sehen ...
Eigentlich hat es doch nur Vorteile, ein Leben ohne Drogen ... mein
Leben ohne Drogen um genau zu sein ...
Ich kann auch anders!
© by Dusky DaVica
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